Hintergrundwissen und Geschichte

Die Geschichte und Entwicklung von Yoga in Russland lässt sich noch in die Zeit vor der Revolution (1918) zurück verfolgen. Yoga war zu dieser Zeit sehr populär und etablierte sich später trotz Schwierigkeiten auch in der Sowjetunion.

Ende des 19. Jahrhunderts bis Anfang der 20er Jahre interessierten sich vorwiegend denkenden und kreativen Gesellschaftskreisen für die indischen Philosophie und Yoga.
Unter dem Pseudonym „Yogi Ramacharaka“ veröffentlichte der amerikanische Schriftsteller William Atkinson 1909 – 1914 in St. Petersburg seine ersten Werke. Solche wie „Hatha Yoga“, „Jnana Yoga“, „Grundlegende Ausblicke der indischen Yogis“ und „Die Lehren der Yogis über die geistige Welt des Menschen.“

Andere Werke die zu dieser Zeit erschienen sind lauten: „Raja Yoga“ von Swami Vivekanady, „Yoga Sutra“ von Patanjali, sowie die berühmte „Bhagavad Gita“. Diese wurde als Neuauflage veröffentlicht, wobei die Urfassung schon im Jahr 1530–1584 in der Regierungszeit Iwan des Schrecklichen bekannt war. Iwan bekam die handschriftliche Urfassung von einem Mongolen geschenkt.

Die Vorstellungen von den Übungen, den Atemtechniken und der Meditation im Yoga, galten damals bei den Menschen als umstritten und wurden skeptisch gesehen. Ob das ultimative Ziel: Das „Samadhi“, die 8 Stufen des Yogas jemals erreicht worden sind, kann bis heute nicht nachgewiesen werden.

Im Jahr 1915 schlug George Iwanowitsch Gurdjieff, ein rätselhafter Philosoph, Mystiker und Menschenbeeinflusser, eine neue Methode zur Konzentration und Selbsterinnerung vor, die zum Erwachen aus dem Traum/Schlaf führt und sich seiner Meinung nach im menschlichen Ich befindet – die Wahrnehmung des „Seins“. Gurdjieff war ein echter Praktiker und hat sein Wissen nicht nur aus Büchern, sondern vor allem von mehreren Gelehrten aus Asien und dem Osten erlangt. Gurdjieff war äußerst intelligent, sprachbegabt und wurde in den denkenden gesellschaftlichen Kreisen sehr respektiert und geliebt.

Parallel zu ihm arbeiteten Nikolai und Elena Rörich an der Systematisierung des Wissens über Agni-Yoga, einer Lehre von Nikolai Rörich, die eine Synthese aller Religionen und Yoga-Arten darstellen sollte.

Wer praktizierte Yoga und wie?

Aus einigen Quellen ist bekannt, dass im Stalinismus lediglich die gebildeten Leute die unmenschlichen Bedingungen in den Lagern überleben konnten, welche einen starken Willen bewiesen und oft auch Yoga praktizierten.

Ihre Aufmerksamkeit richteten sie nach Innen. Sie waren nicht auf der Suche nach zusätzlichen Ideen, vertieften sich dafür lieber in Informationen, die sie bereits hatten – z.B. ein Dutzend „Asanas“ und ein paar Atemtechniken. Diese Menschen zeigten, dass Yoga allein Arbeit mit sich selbst bedeutet und an jedem Ort der Welt ausgeführt werden konnte, sogar im Lager. Und im gewissen Sinne waren alle diejenigen, die die Kraft in sich selbst gefunden hatten bereits Yogis, nur wussten sie damals nicht dass sie sich so nennen konnten.

Bedeutende Menschen und Bücher

Wenn Yoga in der Zeit des Stalinismus ein Mittel zum Überleben war, so wurde es ab dem Ende der 1950er Jahre ein Zeitvertreib für Romantiker.

Ein populärer Schriftsteller zu dieser Zeit, Ivan Jefremow, bekannt durch den Roman „Rasierklinge“, schrieb dazu:

„Yoga oder die psycho-physiologische Vollkommenheit scheint mir wie eine starke Verbindung zwischen dem Bewusst- und Unterbewusstsein der menschlichen Psyche, einem fester Zusammenhalt von Körper und Geist, welches die Menschen so stark werden lässt dass sie das Gefühl haben sie könnten fliegen, seien unbesiegbar und voller leistungsstarker Energieladung zu sein. Und wozu das alles, wenn nicht dazu, den Menschen etwas zurückzugeben, ihnen zu helfen und für Schönheit und Glück auf Erden zu kämpfen.“

Gerade sein Buch drängte viele Menschen dazu, vor allem Physiker und Dichter, nach Informationen über Yoga zu suchen.

In den 60er Jahren gab es erste nicht legal veröffentlichte Bücher über Yoga, die vor allem aus dem Ausland durch Diplomaten und Gelehrte mitgebracht wurden.

In Zeitschriften wurden Artikel über die therapeutische Wirkung von Yoga veröffentlicht und in den 70er Jahren drehte Anatolij Subkow, ein echter Missionar der Yoga in der UdSSR stark popularisierte, den ersten Dokumentarfilm darüber: „Indische Yogis – Wer sind sie?

 

Nun interessierte sich auch die russische Regierung für Yoga und lud Dhirendra Brahmachari (Methode Sukshma Vyayama) in die UdSSR ein. Dazu äußerte sich der Direktor des Ashtanga Yoga Center Michail Konstantinov:

„Der Zweck der Einladung von Dhirendra Brahmachari war die Einführung von Yoga-Techniken in die Ausbildung von Astronauten. Alles war sehr geheim. Das erfuhr ich erst später von Freunden, die im Swjosdny Gorodok (Sternenstadt) arbeiteten. Soweit ich weiß, wurde die Kommunikation zwischen dem Guru und den Astronauten gefilmt – wie er ihnen verschiedene Übungen zeigte. Zu diesen Filmen gibt es allerdings keinen Zugang.“

Aus den wenigen frühen Quellen der Yogis in der UdSSR sind noch einige Geschichten bekannt. Insbesondere das veröffentlichte Buch der Erinnerungen vom Wissenschaftler und Ozeanografen Slava Kurilov mit dem Titel: „Alleine im Ozean“.

Mit dem beharrlichen Praktizieren nach Bücher aus Samisdat, kurz ‚Selbstverlag‘, also per Hand abgeschriebene nicht Staat-Konforme Literatur, und ohne Hilfe eines Lehrers schaffte Kurilov das Unmögliche: Aus dem Wunsch heraus aus der UdSSR zu fliehen, plante er bei einer Schifffahrt, in der Nähe einer philippinischen Insel, 2 km vor der Küste über Bord zu springen. Mit seiner psycho-physischen Ausbildung war es ihm ziemlich einfach zwei Kilometer zu schwimmen, doch das Schiff änderte den Kurs und die Küste war nun keine zwei, sondern 200 Kilometer entfernt. Im offenen Ozean hatte er nichts außer Pulver gegen Haie bei sich. Er schwamm drei Tage lang. Jeder Psychologe wird Ihnen sagen, dass der Mensch eine solche Last nicht erträgt – er wird entweder verrückt werden oder ertrinken. Aber Kurilov schwamm. Die täglichen, kontinuierlichen Yogaübungen haben ihm dabei geholfen.

Kurilov gab später zu, dass er aus der Sowjetunion nicht deshalb floh, weil er dort das Leben unerträglich empfand, sondern weil er das gelernte (Yoga) anwenden und seinen wissenschaftlichen Durst auch außerhalb der verschlossenen Sowjetunion stillen wollte.

Die ersten Yoga-Gruppen in der Sowjetunion

In den 80er Jahren gab es die erste Yoga-Gruppen und Kurse die 5 Rubel kosteten. Sie wurden heimlich in den Wohnungen durchgeführt. „Asana“ wurde einfach auf dem blankem Boden in Jogginghose praktiziert. (1 Rubel zu der Zeit war einem Dollar gleich – Anmerkung des Übersetzers).

Es gab weder Internet, noch war es möglich anders Werbung für solche Dinge zu machen. Die Informationen „mussten“ daher durch Mundpropaganda verbreitet werden. Schließlich wurden Menschen wegen Yoga sogar inhaftiert. Aus der einfachen Tatsache heraus, dass Yoga in der Sowjetunion mit „komischen Übungen“ in Verbindung gebracht wurde. Erst recht wenn die Menschen sich heimlich in Wohnungen versammelten. Was wenn diese geheime Ziel verfolgten? Solche „Wohnungsbeschäftigungen“ waren jedoch vor allem in Moskau und Umgebung ziemlich verbreitet – gelehrt von denen, die das Wissen autodidaktisch oder durch das „Samisdat“ erlangten.

Die Entwicklung von Yoga

Ende der 80er Jahre änderte sich allmählich die Situation und Yoga wurde bekannter. Aus einem Labor in Moskau, welches nicht traditionelle Heilmethoden untersuchte, wurde die Kandidatin der psychologischen Wissenschaften Jelena Olegowna Fedotowa nach Indien geschickt, um dort die geänderten Zustände des Bewusstseins zu erforschen.

Sie besuchte eine Menge „Ashrams“ und Yogaschulen im ganzen Land. 1989 lud sie den Guru Iyengar zu der ersten Yogakonferenz in die Sowjetunion ein. Bei dieser Konferenz waren hunderte Menschen zusammengekommen. Viele Yogis begegneten sich zum ersten Mal und konnten sich endlich kennen lernen, denn bis dahin hatten sie sich immer im Verborgenen aufgehalten.

Jelena gab der Entwicklung von Yoga auf einer festen Basis einen Schub. Die Säle füllten sich mit immer mehr Menschen. Es war merkwürdig. Yoga war nicht einfach nur populär, die Menschen brannten gerade zu darauf und gingen in organisierten Mengen zum Yoga. Dabei gab es überhaupt keine Materialien. Statt einem Holzziegel benutzte man gewöhnliche Ziegelsteine. Beine wurden mit Hilfe von Lederriemen gedehnt, statt kleinen Matten hatte man Baumwolldecken. Anfang der 90er Jahre füllten bereits bis zu 500 Menschen Stadien. Sie alle vollführten Yogaposen. Es war unglaublich komisch, dass zu dieser Zeit genauso viele Menschen vor den neuen Schnellrestaurants „Mc Donalds“ anstanden.

Parallel zu dieser Zeit verbreitete sich auch die Technik „Kundalini-Yoga“. Mit dieser Technik sollte drogenabhängigen Teenagern geholfen werden. Und genau das wurde erreicht: Ihr Zustand normalisierte sich sehr bald.

Der weite Weg der Yoga-Bewegung

Abschließend lässt sich sagen, dass Russland von den ersten Yogabüchern an bis zum Erscheinen der ersten zertifizierten Yogalehrer, einen weiten Weg gemacht hat – einen schwierigen und interessanten zugleich.

Interessant ist, dass das Interesse an Yoga mit dem Entstehen der Sowjetunion und in den Jahren des Unterganges «des roten Imperiums» stark entflammte.

Es ist kaum vorstellbar, wie und in welche Richtung sich die Yoga-Bewegung in Russland entwickelt hätte, wenn nicht die vielen Jahre in Geheimhaltung und Gefahr (denn für Yoga konnte man wirklich ins Gefängnis kommen) vorangegangen wären. Der Zugriff auf Informationsquellen war äußerst eingeschränkt und erschwert.

Es ist nicht auszuschließen, dass diese liebevolle und schützende Haltung gegenüber traditionellen Schulen (oder Yoga- Stilen) ihren Hintergrund vor allem aus dieser komplizierten Zeit entwickelt hat. Das ist auch der Hauptunterschied zwischen „russischem“ und z.B. amerikanischem Yoga, wo sich die modernen Stile einfach so im beneidenswerten Umfang verbreiten.